Lieber Herr Kummer,
immer öfter hört man auch in
Chemnitz vom Phänomen des sogenannten Hipsters. Offenbar genießt
diese neue Jugendgruppe in der Öffentlichkeit jedoch kein hohes
Ansehen. Noch irritierender ist der Umstand, dass die als Hipster
bezeichneten sich dieser Gruppe gar nicht zugehörig zu fühlen
scheinen. Was ist dieser Hipster eigentlich? Darf man einer sein?
Oder sollte man dies tunlichst vermeiden?
Vielen Dank für diese interessante
Frage.
Lesen wir zur Einstimmung, was der
große Sowjetdichter Majakowski über die Jugend schrieb:
Nein nicht jene sind jung die gelümmelt
ins Boot und auf Wiesen
mit Gröhlen und Johlen den Trunk sich
hinter die Binde gießen.
Nicht jene nenne ich jung, die nachts,
unter Frühlingshimmeln,
als Modenarren mit Schwung glockenhosig
am Bummelplatz bimmeln.
Nein, nicht jene sind jung, die des
Lebens Frührot-Freuden
beim frühsten Knospensprung in
Liebschaften billig vergeuden.
Heißt dies etwa Jugend? Nein!
Es genügt nicht 18 zu sein.
Jung nenne ich jene unverzagt, der zur
gelichteten Kampfschar der Alten im Namen der Nachgeborenen sagt:
`Wir werden das Dasein neu gestalten!`
Jugend – der Name ist Gabe, die ehrt
an die junge Garde der Zukunftswacht
an den der uns streitbaren Frohsinn
beschert
und unsere Werktage glückhaft macht.
Was sind Hipster?
In der Berliner Forschungsstelle
„Archiv der Jugendkulturen“ die eigentlich ein wachsames Auge auf
alle relevanten Jugendbeschäftigungen hat, wird diese Strömung
bislang ignoriert. Eine historische Definition findet sich aber in
den USA. Hier entstand das klassische Hipstertum in den 20er Jahren.
Als „hep cats“ wurden Leute bezeichnet, die sich mit der
aufkeimenden Jazz-Kultur identifizierten. Aus hep, so eine Theorie,
wurde hip, bis der Begriff Hipster weitreichende Popularität durch
den Boogie-Pianisten Harry "The Hipster" Gibson erlangte.
Heute sind Hipster keine Jazzfans,
sondern junge modebewusste Leute, die sich in Röhrenjeans quetschen,
Nerdbrillen tragen, sich asymetrisch frisieren und sich komische
Bärte wachsen lassen. Sie sind ein bißchen androgyn, aber keine
Softies. Sie sind Musikinteressenten, aber keine Fans. Sie geben sich
radikal, aber hängen an ihren Privilegien. Es ist eine rein
ästhetische Jugendkultur, ohne Ideologie oder gesellschaftliche
Ziele. Hipster lieben ausschließlich das stylische
Herrschaftswissen, das sie vom ahnungslosen Provinz-Normalo abgrenzt.
Schwierig wird es, wenn H&M plötzlich Jutebeutel und Trucker
Caps verkaufen oder Guido Westerwelle und Alexander Dobrindt
Hornbrillen tragen. Nun droht der coole Status des Bescheidwissers
verloren zu gehen. Der Hipster muss schnell zum nächsten Objekt
hetzen, bevor die Massenkultur es vereinnahmt. Sein Geschmack muss
als erstes anzeigen, was nun cool ist. In einer von Krisen und
Umbrüchen geschüttelten Welt wirkt das natürlich etwas
oberflächlich und deshalb streitet der Hipster energisch ab ein
solcher zu sein.
Heutzutage darf der Jugendliche
eigentlich alles sein. Wenn man Abgrenzung, Narzissmus und ein Gefühl
der Überlegenheit mag, auch ein Hipster. Ob einem das gefällt, ob
man so etwas vermeiden möchte, sollte jeder für sich selbst
beantworten.
Die Zeit anzuhalten, vermag ohne
Zweifel auch der flotteste Hipster nicht, irgendwann verwandelt er
sich in einen der Lohas ( Lifestyle of Health and Sustainabillity )
und später zwangsläufig in einen Best Ager und Mitglied der Silver
Generation.
Und zum Abschluss nochmal der große
Majakowski:
Ist die Jugend unser Schmied,
sei ihr Hammer, du, mein Lied