Lieber Herr Kummer,
ich bin gebürtiger
Chemnitzer, musste aber vor einigen Jahren arbeitsbedingt nach
Stuttgart umsiedeln. Seitdem musste ich immer wieder gegen
Anfeindungen bezüglich meines Dialekts oder meiner Herkunft kämpfen.
Nun lese ich, dass in Berlin ein regelrechter Schwaben-Hass auflebt.
Jetzt bin ich voller Hoffnung: Sind Schwaben die neuen Ossis?
Vielen Dank für diese
interessante Frage. Der Schwabe entwickelt sich zum neuen Ossi, ein
reizvoller Gedanke ist das schon.
Allerdings ist dieser
Vergleich ein gewagtes Unterfangen. Häuslebauer gegen Plattenbauer,
Mercedes gegen Trabant, Spätzle gegen Neunerlei. Die aktuelle
Deutschland-Umfrage eines Meinungsforschungsinstituts zeigt aber eine
gewisse Nähe. Schwäbisch belegte den vorletzten Platz im
Dialekt-Ranking, nur die sächsische Sprache war noch unbeliebter.
Der Ossi, speziell der Sachse, befindet sich allerdings derzeit in
einer sehr komfortablen Lage. Er kann sich zurücklehnen und
Zuschauer spielen bei einem bizarren Kampf, der dieser Tage in der
Hauptstadt tobt.
Schon früher zugezogene
Bürger und ein Häuflein vermeintlicher Ur-Berliner im Verein mit
verschiedenen Initiativen kämpfen erbittert gegen neu zugezogene
Schwaben. Es herrscht Angst vor Überfremdung und Verdrängung durch
die Eindringlinge aus dem Süden unserer Republik. Der Schwabe will
sich nicht integrieren, er sagt Wecken statt Schrippen, arbeitet und
studiert effektiv und ist bereit und in der Lage großstädtische
Mieten zu bezahlen. Gewarnt wird vor angeblich in Teilen von
Friedrichshain und Prenzlauer Berg entstandenen schwäbischen
Parallelgesellschaften. Angst vor Fremden ist, wie man an diesem
Beispiel sehen kann, kein Privileg von Ultrakonservativen. Autonome
Gruppen und linke Initiativen wollen die Schwaben am liebsten
abschieben und bilden sich tatsächlich ein, damit eine Veränderung
Berlins verhindern zu können. Der heroische Aufstand gegen die
Schwaben scheint gleichberechtigt neben dem Kampf gegen Großkapital
und Faschismus zu stehen. Flugblätter werden gedruckt und
Transparente geschwenkt.
Fehlt eigentlich nur noch
ein Bestseller mit dem Titel „ UrBerlin schafft sich ab“. Der
Betrachter übt sich derweil im Fremdschämen und erinnert sich an
die Zeiten Ostberlins, als die Sachsen die Schwaben der DDR waren.
Als im Rahmen der
FDJ-Aktion „Dächer dicht“ Tausende, eigentlich in ihrer Heimat
dringend benötigte, Handwerker und Bauarbeiter in die Hauptstadt
beordert wurden, um die Stadt zum 750jährigen Jubiläum
aufzupolieren, entstanden schnell Gerüchte, dass die Neuankömmlinge
den Einheimischen die begehrten Wohnungen wegschnappen wollen und
nebenamtlich sowieso alle für die Stasi tätig wären. Der
unbeliebte Dialekt erschwerte ein unauffälliges Leben in der
Hauptstadt, spätestens beim Bäcker flog die Tarnung regelmäßig
auf. Schrippen statt Brötchen, Berliner statt Pfannkuchen.
Als Sachsen-Ossi sollte
man derzeit bei kleinen Hänseleien nicht nachtragend sein, sondern
Größe zeigen und den Stuttgartern tröstend auf die Schulter
klopfen. Die naiven Schwaben hatten sich doch wirklich eingebildet,
durch erfolgreichen Mittelstand, fette Autos, Kehrwoche, Bausparkasse
und Häuslebau in der ganzen Republik beliebt zu sein. Sogar eine
richtige Bahnhofsrevolution hatten die Stuttgarter angezettelt!
Und was ist der Dank?
„Schwabe go home“ oder „Spätzle verpiss dich“. Die
genügsamen Sachsen, die immerhin durch zähes demonstrieren eine
komplette Diktatur zum Einsturz brachten, erwarteten nie größere
Dankes– oder gar Sympathiebekundungen aus Berlin. Man kennt sich
eben.
Ohnehin weiß doch jeder,
dass ohne den seit Jahrhunderten andauernden Zuzug von Franzosen,
Polen, Schwaben und Sachsen Berlin nur ein ödes Provinzkaff in der
Brandenburger Sandwüste wäre.